Willst du ein „A“ kaufen?

Weil uns sonst der Kragen platzt, müssen wir zum Thema „Ratingagenturen“ jetzt mal was loswerden.

Kaum ein Tag vergeht, ohne das irgendwo Jemand in allen möglichen Nachrichten über irgendwelche Ratings von irgendwelchen Ratingagenturen spricht, die Länder hinab oder hinaufstufen. Und da stellt sich doch die Frage, wer sind die eigentlich, diese Agenturen, wie verdienen sie ihr Geld, also wer zahlt die eigentlich für ihre Einstufungen – und damit verbunden: wer hat etwas davon?
Willst du ein "A" kaufen? Wie Rating-Agenturen funktionieren
Was machen die eigentlich?
Also, Ratingagenturen sind private und natürlich gewinnorientierte Unternehmen. Sie prüfen gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit, also die Bonität von Unternehmen aller Branchen und von von Staaten mitsamt den jeweils untergeordneten Gebietskörperschaften. Das heißt also, dass diese Agenturen die Vermögens- und Schuldverhältnisse, Verbindlichkeiten, Kredite, Ausgaben, Einnahmen und so weiter unter die Lupe nehmen und bewerten, oder einstufen – ähnlich der SCHUFA für den Privatmenschen hierzulande. Wie sie dies genau machen, also anhandd welcher genauen Fakten ist nicht wirklich bekannt. Die Ratingagenturen haben sich dabei auf einen Code geeinigt, mit dem sie Unternehmen und Staaten einstufen: „AAA“ wäre sozusagen die beste Note, also absolut solvent – selbst bei Konjunkturschwankungen – wohingegen ein einfaches „D“ sozusagen „Zahlungsunfähig bedeuten würde.
Rating-Agenturen sind also mitverantwortlich dafür, ob ein Unternehmen, oder ein Staat einen Kredit bekommt, oder nicht, ob sie ein guter – weil zahlungsfähiger Geschäftspartner sind, oder nicht. Sie haben also eine ziemlich große Verantwortung.

Wer erlaubt denen das?
Tja und da liegt die Krux: Nach dem neuen EU-Recht haben die Rating-Agenturen gar keine Genehmigung dafür, Länder zu prüfen, die dem EU-Recht unterstehen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat aber für die so genannte bankaufsichtliche Risikogewichtung folgende Rating-Agenturen anerkannt:

  • Die Creditreform Rating AG
    (Eine deutsche Rating-Agentur mit Sitz in Neuss, die zum Verband der Vereine Creditreform e. V. gehört)
  • Die Dominion Bond Rating Service, DBRS
    (Eine Rating-Agentur mit Sitz in Toronto, Canada)
  • Die Fitch Ratings
    (Eine Agentur, die Teil der Fitch Group ist und mehrheitlich im Besitz der Fimalac S. A., die wiederum ihren Sitz in New York, USA hat)
  •  Die Japan Credit Rating Agency Ltd.
    (Eine Rating-Agentur mit Sitz in Tokyo)
  • The McGraw-Hill Companies, die als Rating Agentur unter der Marke “Standard & Poor’s Ratings Services“ auftritt und ihren Sitz ebenfalls in New York, USA hat
  • Die Moody’s Investors Service.
    (Eine Rating-Agentur, die ebenfalls ihren Sitz in New York, USA hat.)

Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch sind die Namen, die immer wieder in den Nachrichten auftauchen. Sie sind vor allem diejenigen, die Staaten beurteilen.
Rating-Agenturen unterliegen in der Regel eigentlich staatlicher Aufsicht. Ohne Genehmigung der EU darf in Europa keine Rating-Agentur gegründet werden. Die EU kann Agenturen außerdem bei Verstößen gegen EU-Recht die Lizenz entziehen.
Die Aufsicht über die Agenturen liegt bei der europäischen Wertpapieraufsicht European Securities and Markets Authority, der so genannten ESMA und den Behörden der Mitgliedsstaaten der EU. In Deutschland ist diezuständige Behörde die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen, die im August 2009 die „Creditreform Rating“ als erste deutsche Rating-Agentur genehmigt hat. Erste europäische Rating-Agentur ist die Euler Hermes Rating GmbH, die seit November 2010 von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistung und dem Committee of European Securities Regulators anerkannt wurde.
Mit der Anerkennung ist eine Registrierung notwendig, die es institutionellen Investoren – gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1060/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über Rating-Agenturen – ermöglicht, zukünftig auch in Papiere zu investieren, die von EU-registrierten Rating-Agenturen bewertet wurden.

Weder die Creditreform Rating, noch die Euler Hermes Rating GmbH taucht gehäuft in den Nachrichten auf – oder habt Ihr von denen schon mal etwas gehört?

Die Macht der Rating-AgenturenWer bewertet wen und warum?
Diese Frage stellt sich da zwangsläufig. Im Moment sieht es so aus, dass Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch vor allem alle anderen Staaten bewerten. Die so genannten Nutzer der Ratingergebnisse sind zum einen Investoren, die überlegen, ob sie in Staaten oder Unternehmen investieren sollen, sie mit Krediten unterstützen. Zum anderen lassen sich Unternehmen von Rating-Agenturen einstufen, um Investoren zu zeigen, dass es sich lohnt zu investieren. Und Investoren selbst halten Anteile an Rating-Agenturen. Denn Investoren möchten natürlich ihr Geld „gut“ anlegen. Sie wollen also wissen, wie die Chancen stehen, ihre Leihgabe mit möglichst hohem Gewinn auch zurück zu bekommen. Wer gibt schon Jemandem viel Geld, wenn er weiß er sieht es nie wieder?! Die Investoren und Unternehmen selbst sind also diejenigen, die die Agenturen dafür bezahlen, was sie tun. Die Agenturen wiederum prüfen ihrerseits Staaten und Unternehmen und teilen dann ihre Ergebnisse mit – und zwar öffentlich. Damit wiederum steuern sie bewusst den Weltmarkt, denn sie wissen: die Märkte reagieren auf Abstufungen üblicherweise mit Kursabschlägen auf die bereits ausgegebenen Anleihen und neue Anleihen müssen dann meist höhere Zinsen bieten.

Risikoverschärfung
Ein Beispiel: Frankreich wurde kürzlich von der Bestnote AAA auf AA1 von den Rating Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s abgestuft. Es hieß, dass Frankreich eine schlechte Haushaltslage und in Zukunft schlechtere Wachstumsaussichten habe. Griechenland und Spanien wurde von den Agenturen während der Debatten und Bemühungen um ihre Rettung und einen Rettungsschirm herabgestuft und damit gefährdet, obwohl sie vorher andere Noten verteilt hatten. Wer will schon in einen herabgestuften Staat investieren, Anleihen tätigen oder halten, wie sollen Banken damit umgehen?

Es ist kein Geheimnis, dass Rating-Agenturen auf diese Art Krisen verschärfen.

Ist das nicht ein bisschen viel Macht?
Ja, das finden wir schon, aber nicht nur wir. EU-Kommission, EU-Parlament und die Mitgliedstaaten haben sich nun darauf geeinigt, dass für eine Verringerung der übertriebenen Abhängigkeit von Ratings, die Beseitigung von Interessenkonflikten und eine Einführung von einer zivilrechtlichen Haftung von Rating-Agenturen die Regeln verschärft. Rating-Agenturen sollen künftig nur noch an drei vorher festgelegten Terminen ihre Bewertungen von Staatsanleihen veröffentlichen dürfen. Die Urteile sollen sie künftig nachvollziehbar begründen müssen. Grenzen für Anteile, die ein Investor an mehreren Rating-Agenturen halten darf, sollen Interessenkonflikte vermeiden. Zudem sollen Rating-Agenturen in Zukunft für Fehlurteile haftbar gemacht werden können, wenn sie einen nachweislichen Schaden erbracht haben.

Ist das der Weisheit letzter Schluss?
Also wir jedenfalls sind nicht dafür, dass irgendwer für irgendwas einfach so ein „A“ kaufen kann.

Wo kommen wir denn dahin?!

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