Vergiss mein nicht

Vergiss mein nicht - David Sieveking - 2012David Sieveking (David wants to fly) zog zunächst für drei Monate wieder zu Hause ein, weil sein Vater Malte mal Urlaub brauchte, die Mutter Gretel aber aufgrund ihrer Demenz nicht alleine bleiben konnte. Mit dem Einverständnis aller, dokumentiert er seinen pflegerischen Einsatz zu Hause, bis zum Ende. In schließlich zwei Jahren ist dabei ein wunderbarer, liebevoller Film entstanden, der berührt, aber keinesfalls beschwert: Vergiss mein nicht. Unbedingt ansehen.

„Aus der Tragödie meiner dementen Mutter ist kein Krankheits-, sondern ein Liebesfilm entstanden, der mit melancholischer Heiterkeit erfüllt ist“, sagt David Sieveking selbst.

Obwohl Veränderungen für Demenzerkrankte sehr schwierig sind und sie oft die Lage verschlechtert, ist es bei Gretel ganz anders. Mit dem Einzug von Sohn David und seinem Filmteam blüht sie auf und hat viel Freude. Wer schon mal einen Demenzkranken, oder generell kranken Menschen betreut hat, weiß, wie anstrengend die Pflege ist. Vater Malte brauchte dringend diese Auszeit und versucht in der Schweiz wieder Kraft zu tanken, während David nicht nur Sohn, sondern auch Betreuer, Beobachter und Dokumentarfilmer in Personalunion ist. Das Gretel sich als junge Frau fühlt und ihren Sohn David für ihren Mann Malte, als der jung war, hält, kann man ihr nicht einmal verdenken, denn abgesehen von der Tatsache, dass Demenzkranke sich immer tiefer in die Vergangenheit wenden, bis sie mental in ihrer jüngsten Kindheit angelangt sind, sehen sich Vater und Sohn auch noch sehr, sehr ähnlich. Wahrscheinlich hat Malte mit 35 oder 36 einfach wirklich genauso ausgesehen, wie David jetzt.

Solange Gretel noch erzählt und nicht die Sprache verloren hat, erfährt David vieles aus dem Leben seiner Eltern, was ihm nicht bewußt war. Gretel hat lichte und dunkle Momente, manchmal haut sie Sätze raus, die uns wegen des Wortwitzes und der entwaffnenden Ehrlichkeit Schmunzeln lassen, oder anrühren wegen ihrer poetischen Aussage.

Gretel und Malte haben viel erlebt und bewegt, ja eine geradezu rebellische und revolutionäre Vergangenheit, was David nach und nach erfährt, da sie zuvor nie einen Hehl daraus gemacht hatten. Nicht wie andere 68’er, die jedem auf’s Brot schmieren, was sie für Helden sind. David trifft sich mit alten Bekannten seiner Eltern und auch die berichten ungeahnte Geschichten aus dem Leben von Gretel und Malte. Und wir erfahren wie schwierig die offene Ehe für Gretel gewesen sein muss und wie wenig Malte das erkannt hatte. Doch dank der Tatsache, dass Gretel sich bald nicht mehr an ihren versteckten Kummer darüber erinnern kann, bauen die beiden eine ganz neue, zärtlichere Beziehung zueinander auf. Ihre Liebe begann in Hamburg und die Reise, die die beiden dorthin unternehmen wird ihre letzte, als schließe sich ein Kreis.

„Vergiss mein nicht“ ist eine zauberhafte, filmische Liebeserklärung an Gretel und ihre Kraft eine Familie zu erschaffen, die zusammenhält, turbulente Zeiten übersteht, einander lieb hat und überhaupt lieben kann. David Sieveking hat es geschafft, die sich immer häufiger verbreitende Krankheit Demenz und seine daran erkrankte Mutter so zärtlich, behutsam und würdevoll darzustellen, dass wir optimistisch gestimmt, keine Angst mehr davor haben, sondern auch die positiven Seiten des Vergessens erahnen – als wohne ihnen ein schöner Neuanfang inne.

Unbedingt ansehen! Hier schon mal der Trailer:
[youtube]http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=IQpT7ZBCNHk]

VERGISS MEIN NICHT
David Sieveking
seit 31.01.2013 im Kino

Vergiss mein nicht ist auch als Buch erschienen.

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