Wunderbar – es ist ja so

Wunderbar – es ist ja so

Geschichten aus einer fernen Zeit, als die Welt sich noch anders drehte. Zauberei ohne überladene Magie und ein Zappelphillip auf der Bühne, der innehält und gerne kuscheln mag. Nehmen wir ihn in den Arm.

Es ist Juni, es ist kalt und regnerisch. Ich mache mich mit der Tram auf den Weg in „Das Schloss“, einer temporären Bühne Münchens, um Toby dort zu treffen und Ingo Oschmann zu sehen. Mir geht einiges durch den Kopf. So viel, um ehrlich zu sein, dass ich versehentlich zwei Stationen zu weit fahre. Naja, schwamm drüber. Fröstelnd stehe ich im Foyer, warte auf Toby…oder war es Godot?! Es kommt aber Ingo Oschmann durch die Tür, grinst, grüsst freundlich und plaudert mit seinem Schergen und einigen Gästen über dies und das, geht hinaus, holt ein Hemd aus dem Auto, plaudert weiter.

Ich war ziemlich verwundert, denn normalerweise verschanzen sich die Stars des Abends hinter der Bühne oder im VIP-Shuttle. Ingo Oschmann hält da nix von, wie wir später erfahren werden.

Noch immer keine Spur von Toby. Bevor es zu voll im Saal wird und da ja freie Platzwahl ist, entschließe ich mich schon mal rein zu gehen, um zwei angenehme Plätze zu finden. Endlich kommt er. Der Arme hatte draußen auf mich gewartet und nicht damit gerechnet, dass ich schon drin bin. So kann’s gehen. Und weil „Das Schloß“ keine kleinen Snacks anbietet, nur Speisen ab 11 Euro aufwärts und Eis – alles nicht Käse-, oder Milchfrei – bleiben wir bei Flüssigkeiten.

Ingo Oschmann: Wunderbar - es ist ja so! München 2011

Ingo Oschmann: Wunderbar - es ist ja so! München 2011, Foto: Tobias Volke

Dann  wird das Licht runter gedimmt und der Soundtrack von „Knight Rider“ ertönt. Wie K.I.T.’s Lauflicht am Kühler werden die drei Oschmann-Stelen im Bühnenhintergrund angestrahlt. Ihr ahnt es scho: „Knight Rider“, K.I.T. – das wird ein Ausflug in die 1980er Jahre.

Und da ist er auch schon: Ingo Oschmann in Jeans und Karohemd, mit einem breiten, verschmitzten, Lausbuben-Lächeln.

Nach einer kleinen Einführung in die Verhaltensregeln für uns Zuschauer, bei seiner Show – wir sollen Vertrauen haben, uns wohl fühlen und Spaß haben – startet er mit seinem Geschichten aus dem Leben, bei denen wir denken: ja, es ist ja so.

Er ist 42 – oder so – und sagt von sich selbst, er sei ein Kind der 80er.  Da gab es wahrlich viele Irrungen und Wirrungen, nicht nur was die Mode anging. Er erzählt vom Kindsein in Bielefeld mit einem zaubernden Opa, einem Papa als Architekten und einer verständnisvollen Mutter und all diesen Bildern, die davon geblieben sind. Wer, außer Ingo Oschmann ist aus Liebe in die Jazzdance-Gruppe der Schule gegangen und hat sich Leggins und Stulpen angezogen?! Wohl keiner. Aber wie romantisch ist das denn?! Und wir bekommen natürrlich eine kleine Probe seiner Tanzkunst. Danach zieht er sich dann auch ganz ehrlich einen Anzug an.

Und Apropos Bilder: ist es nicht Jammerschade, dass wir uns nun gar nicht mehr darauf freuen können, den Abholschein endlich in die Hand zu nehmen, um voller Spannung beim Laden unseres Vertrauens nach einer Woche die Bilder endlich abzuholen?! Wann habt Ihr zuletzt Bilder entwickeln lassen und sogar in ein Fotoalbum geklebt? Ja, das ist lange her.

Wir haben zum Beispiel einen eigenen Fotoserver. Da liegen sie – bestimmt eine Million Bilder – und werden eigentlich nicht mehr angeschaut… Jammerschade ist das. Wir konsumieren Bilder, wie Wegwerfprodukte. Früher waren sie wertvoller, wie so einiges. Ähnlich ist es mit der Musik. An die erste selbst gekaufte Platte kann sich jeder erinnern. Aber wer wird sich wohl in ein paar Jahren an seinen ersten Download erinnern?

Oschmann beharrt zwischen seinen denkwürdigen und lustigen Geschichten aus dem Leben darauf, dass Früher nicht alles besser war, nur eben anders. Da hat er Recht, aber dennoch werden wir das Gefühl nicht los, dass es trotzdem auch irgendwie besser gewesen sein muss. Nun, das ist wahrscheinlich der sentimentale Blick zurück in die Kindheit – Oschmanns und unsere Kindheit und Jugend und da hatten wir echt weniger Zwänge und Pflichten, weil wir halt einfach noch jung waren. Jetzt sind wir groß und beladen mit Sachen, die wir freiwillig nicht in unseren Rucksack stecken würden – weder er noch wir. Und dann darf man ja auch nicht vergessen, Oschmann ist um die 40, da machen sich Männer plötzlich eh mehr Gedanken, um das was war und das was wohl noch kommen mag…

So erzählt er uns zum Beispiel von seinem Opa, der ihm das zaubern zeigte. Bilder, die er vor dem inneren Auge hat. Und zaubern, dass kann der Oschmann auch. Bowlingkugeln aus Zeichenmappen, Tücher aus Orangen, Lächeln auf die Lippen, warme Gedanken in eine kalte Welt.

Manchmal möchte man ihn in den Arm nehmen und etwas trösten. Manchmal möchte man ihn bremsen. Letzteres aber, geht bei Zappelphillippen nicht, die man nie mit Ritalin voll gepumpt hat. Nur der Papa Oschmann vermochte dies Wunder, denn er hatte glänzende und wahnsinnig fantasievolle Ideen, um aus seinem aufgedrehten Sohnemann auch mal einen innehaltenden, konzentrierten, feinsinnigen Kerl zu machen, der stundenlang auf den Eiffelturm starrt.

Verbringt einen Abend mit Ingo Oschmann, lehnt Euch zurück und gebt ihm ein bisschen von Eurer Zeit, eurem Vertrauen und eurer Energie. Dann wird das Ganze eine echt runde Sache, ein Abend voller Nostalgie – fast fehlen Kuscheldecke und Bademantel (Samstag Abend auf der Couch ) – und Ihr braucht dafür nicht den Fernseher anmachen, ihr seid mittendrin, live dabei.

Oschmann ist in keinem Fall ein Soziopath. Zum Schluss hat er noch eine Überraschung für Euch, die sich jeder persönlich bei ihm abholen kann – dafür nimmt er sich gerne Zeit. Ehrlich.

TS