Schlafende Baustellen

Es ist, wie es ist. Und weil wir nicht weiterkommen, sollen wir, als brave Bürger, jetzt – glauben wir Herrn Ramsauer – leer gefegte Baustellen melden.

Schalfende Baustellen - oder wie habt Ihr Euch das vorgestellt?Es ist morgens halb neun und ich mache mich voller Leichtsinn auf den Weg zur Arbeit. Voller Leichtsinn deshalb, weil ich diesmal nicht mein Fahrrad wähle, sondern die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich trabe zur U-Bahn. Wie immer fällt eine Münze durch den verdammten Ticketautomaten durch. Als ich das wertvolle Stück Papier dann endlich in den Händen halte und es in den Entwerter stecken möchte, ist dieser „Außer Betrieb“. Gut, also fahre ich mit dem Lift runter und mit der Rolltreppe wieder an anderer Stelle hinauf, um pflichtgemäß zu entwerten.
Am Bahnsteig angekommen ist mir die Wunsch-U-Bahn längst weggefahren, dafür sind doppelt so viele Menschen da, als zuvor. Das ist fein. Wahrscheinlich hat gerade eine S-Bahn an anderem Gleis die ganzen Pendler ausgespuckt…ich versuche zu schätzen, wie viele Menschen bereits in der U-Bahn sitzen dürfen, wenn wir dort alle noch hinein möchten. Erst jetzt entdecke ich eine Banderole an der Anzeigetafel, die verkündet, dass es wegen Bauarbeiten auf der Strecke zu Verzögerungen im laufenden Betrieb kommen kann. Na bravo.

Atemlos – wegen der Enge – am Bahnsteig angekommen, um in die Trambahn zu wechseln, muss ich feststellen, dass keine fährt. Stattdessen wird ein Schienenersatzverkehr – also ein Bus – kommen. Ja, wenn er doch kommen würde…
Als er dann schließlich doch da ist, die Türen auffliegen und die Maße hineinstürzt, bleiben wir erst mal noch zwei Minuten stehen. Könnte ja noch Jemand reinpassen. Ich freue mich, habe einen Platz, die Sonne lacht mir ins Gesicht. Ich schaue auf die Uhr und rätsele, ob ich es schaffe pünktlich da zu sein. Um Neun!
Endlich fährt der Bus los. Doch schon nach 200 Metern müssen wir uns in einen Stau einreihen, der wegen einer Baustelle immer länger zu werden scheint. Gut, da hat man wenigstens Zeit die Bauarbeiten zu beobachten. Aber außer einem Stück lieblos aufgerissener Straße und lustigen rot-weißen Hütchen und Blinklichtern gibt es nichts zu sehen – nichtmal ein Bauarbeiter der Pause macht. Kein Mini-Bagger, der sich durch den Grund wühlt. Kein Kipper, der mitten auf der Straße umkehren will und stundenlang rangiert, nichts.

Ich schließe die Augen und versuche die Sonnstrahlen in meinem Gesicht zu genießen. Die Fahrt geht weiter. 500 Meter – einmal um die Ecke – haben wir es jetzt geschafft. Wieder sehen wir lustige rot-weiße Hütchen, diesmal ein paar lagernde Rohre, sonst nichts. Langsam rollen wir der Isar entgegen. Slowdriving – vielleicht könnte man dies zu einer neuen Meditatiosübung machen…Langsam fahren, mehr sehen. Findige Werber haben in genau dieser Situation ein Potential entdeckt und aus Baustellenzäunen individuelle Werbebanner gemacht.

Baustellen Zaun wirbt für Wickie in 3D im Kino

Baustellen Zaun wirbt für Wickie in 3D im Kino, Foto: Tobias Volke

Ich beobachte die Menschen, wie sie über die Straßen hetzen, studiere ihren Style, ihre Stimmung und überlege, wo sie wohl hinwollen. Die Zeit vergeht, die Uhr tickt. Gleich ist es Neun. Ah der Bus rollt wieder etwas schneller. Wir schaffen es auf die andere Seite der Brücke und stehen dann an der Ampel. Ein Baustellen-Bagger wird gerade verladen, er hat wohl seinen Dienst getan und kann nun zum nächsten Einsatz gebracht werden. Ich beobachte, wie der LKW, auf den der Bagger geladen wurde immer weiter nach vorne rollt. Stück für Stück versucht er auch dem Letzten an der Ampel noch drohend klar machen zu wollen, das er gleich mitten auf der Kreuzung wenden will, egal ob es rot, oder grün ist, ob wir Termine haben, pünktlich da sein wollen, die Wehen der Hochschwangeren im Taxi in immer kürzeren Abständen kommen, oder sonst was. Er tut es. Er wendet.

Ich überlege, wie schnell ich wohl zu Fuß wäre, wenn ich jetzt aussteigen würde und den Rest laufe. Wie schnell? Schneller als der Bus? Meine Überlegung wird jeh durch Informationen unterbrochen, die ich eigentlich gar nicht hören wollte: „Weißt wenn i morgens zu viel Kaffee trink, dann sitz i im Bus und dann drückt’s! Kennscht des, wenn’s die drück und du konnst nit eihalte. Grausig is des!“ Na danke, vielen Dank für diese Information. Natürlich musste sie beim Telefonieren mit dem Handy die Entfernung bis zu ihrer Gesprächsparterin überbrücken und so laut hineinbrüllen, dass selbst die Schüler in der hintersten Busreihe ihr Lamentieren unterbrechen, um dem Gespräch zu lauschen. Krass.

Hurra, nur noch 100 Meter bis zum Ziel! Mein Sitz ist trocken geblieben und ich könnte gleich aussteigen, wäre da nicht EINE BAUSTELLE! Naja, ich stehe schon mal auf und stelle mich an die Tür. Vielleicht hat der Busfahrer ein Einsehen und macht mir die Türe doch schon auf. Er sieht mich, schaut in den Spiegel und tut nichts. Auch beim zweiten Mal schaut er, lässt leise Luft durch die Lippen pfeifen und schüttelt vorsichtig den Kopf. Er hat halt seine Vorschriften…
Endlich an der Haltestelle angekommen, fliegen mit mir 20 Menschen aus dem Bus und wuseln in alle Himmelrichtungen davon. Ich muss noch über die Kreuzung und dann bin ich fast schon da. Ich habe Rot, warte auf das erlösende Grün. Es ist drei Minuten nach neun. Ich bin zu spät! Verdammt. Ich jogge langsam los. An mir rauschen die Autos vorbei. Als ich endlich angekommen bin, quetscht sich gerade ein nigelnagelneuer Betonmischer aus unserem Hof. Gefühlt hat er einen Millimeter Platz, um den Zaun nicht mitzunehmen. Na toll, das kann dauern…Wie ein Elefant durchs Nadelöhr, aber zumindest sitzt Jemand am Steuer und wie es aussieht, hat er sich nur auf dem Weg zu seiner Baustelle verfahren. Der Zaun bleibt stehen, der Fahrer ist erleichtert und beißt – mitten auf der Straße stehend, alle anderen Autos blockierend – voller Genuss in seinen Burger, den er soeben erstanden hat. Guten Appetit. Mir soll noch mal Jemand bei einer Baustelle mit Terminschwierigkeiten kommen…tz.

Soll es nach Herrn Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer gehen, dann sollen wir – als brave Bürger – nun verwaiste Baustellen melden. Um so genannte „schlafende Baustellen“ auszumerzen, hat das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sogar eigens ein Kontaktformular entwickelt, wo wir sie eintragen können. Wer eine Abneigung gegen Kontaktformulare hat, kann auch eine Mail schrieben an: baustellenmelder@bmvbs.bund.de

Und wer die meisten Meldungen gemacht hat, wird von Herrn Ramsauer persönlich über den Baustellenstau hinweg zu seinem Büro geflogen, oder wie? Vielleicht könnte er ja eine Kooperation mit dem Antenne Bayern Stauschrauber eingehen…

Wir sind gespannt.

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