Rauschen im Blätterwald

Auf der Frankfurter Buchmesse 2010 geht es bunt zu. Neben den vielen Büchern, den vielen neuen Lesegeräten für e-books und co., den Apps und all den Autoren und Verlagen mit all ihren Verlagsmenschen, rauscht es gewaltig. Die Chefs sollen bitte den Knigge beachten.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, sich im Alltag anständig zu benehmen. Das ist es aber anscheinend nicht, denn in vielen Fachvorträgen und Diskussionen rauschte immer wieder im Hintergrund die Forderung nach Beachtung des Knigges. An die oberen, die Entscheider in Verlagshäusern und Unternehmen gerichtet wird mehrfach aufgerufen sich zu benehmen. Wer Erfolg verzeichnen will und wer gute Verlagsmenschen will, der muss: Zuhören, Fragen, Verstehen, Verständnis zeigen, Bitte und auch Danke sagen, auf den Tonfall achten und vor allem Geduld haben – gerade im Bereich der neuen Medien. Das hört man bei „Hege und Pflege von Social Media Accounts“ und sicher sind alle Onliner, alle Social Media Manager und Communitymanager an der Basis dankbar dafür.

Es ist dringend an der Zeit auf Technik und Ausstattung peinlichst zu achten und in die Menschen zu investieren, die all das Bedienen, die schreiben und recherchieren, fotografieren, lektorieren, herstellen und organisieren.

Buchmesse-Halle4-Fachbesucher

Es war einmal eine Zeit, in der Volontäre als Redakteure in dem Haus weiterarbeiten konnten, in dem sie ihre Ausbildung genossen hatten. So hieß es zum Beispiel bei dem Gespräch zum Thema „Die Zukunft des Journalismus“. Da gab es noch Sicherheit und Zeit und den guten Journalismus, den ja alle wollen.

Doch in diese Zeiten heute, in denen Volontären nur Freie Mitarbeit für „einen Appel unn’ ein Ei“ – wie man in Frankfurt sagt – angeboten wird, fällt das schwer. In diesen Zeiten, in denen Verlagsmenschen zeitlich begrenzte Verträge aufgehalst werden, herrscht große Unsicherheit. In diesen Zeiten, in denen Verlagsmenschen eine ominöse und so genannte „Perspektive“ geboten wird, um Niedriglöhne zu rechtfertigen, kann sich keiner mehr etwas leisten. Und warum? Weil alle Angst haben. Sie haben Angst, den nächsten Auftrag zu verlieren, Angst, keinen Folgevertrag zu bekommen, Angst, nicht über den nächsten Monat zu kommen. Sie haben Angst davor, wie es weitergehen soll. Solche Ängste aber, solche Zukunftsängste fressen die Seele auf, die Spontaneität, die Leidenschaft, denn sie schaffen Leiden. Zuerst leidet der Verlagsmensch, dann der Leser, dann der Verleger. Gute Leute behandelt man gut und man erkennt ihre Leistung mit einem Dankeschön an. Ein Dankeschön von Mensch zu Mensch und von  Konto zu Konto. Es könnte so einfach sein, ist es aber anscheinend nicht.

Von der Idee zum neuen Produkt ist es oft ein weiter und beschwerlicher Weg. Alle Beteiligten und alle Abteilungen sollten dabei an einem Strang ziehen. Über Leichen zu gehen ist keinesfalls notwenig, hört man in „Der Erfolg steht dir gut“, aber die Butter vom Brot nehmen lassen braucht sich keiner, auch und vielleicht sogar vor allem keine Frau. Und die Frauen, die mögen doch auch bitte mal etwas lauter und vielleicht sogar etwas Resoluter sprechen, denn sie brauchen sich auch in den oberen Etagen nicht hinter den Herren zu verstecken. Sie brauchen Mut, gute Vorbereitung und gute Argumente und sollen einfach anfangen! Das brauchen die Herren eigentlich auch, aber Frauen brauchen davon noch immer etwas mehr. Das geht doch nicht.

Es rauschte im Blätterwald, es rauschte so sehr, dass manch einem Chef hoffentlich ein Tinitus davon bleibt. Einen Tinitus, der täglich grüßt und an das Rauschen erinnert. Einen Tinitus wünscht man eigentlich niemandem, aber wenn er doch Gutes bewirkt?!

TS

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One thought on “Rauschen im Blätterwald

  1. Fionasano

    Ja, so ist es und es gibt ja viele Strategien. Werden sie besprochen und wir hören von über uns stehenden Personen das Argument: „Wir machen das, weil alles es machen…“, rate ich allen Onlinern die Beine in die Hand zu nehmen und zu laufen: Lauf Onliner lauf!“

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