Expressionismus

Erlebnisse für den Betrachter darstellen, sichtbar machen, vermitteln, Glück,  Unmut oder auch Verzweiflung ausdrücken, ein politisches Statement abgegben: Darum ging es den Künstlern, die sich dieser Bewegung zuordnen lassen müssen. Jetzt finden in Darmstadt und Wiesbaden gleich zwei Schauen dazu statt.

Zum Programmflyer der Ausstellung / Bild: Mathildenhöhe Darmstadt

Die Ausstellung GESAMTKUNSTWERK EXPRESSIONISMUS“ auf der Mathildenhöhe in Darmstadt widmet sich Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur aus der Zeit zwischen 1905 und 1925.  Einige Künstler schlossen sich der Bewegung an, die ihren Schwerpunkt im Ausdruck, im Expressionismus fand und in viele Lebensbereiche vordrang. In Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum wird in der Schau einiges geboten und gezeigt, wie sich die Bewegung des Expressionismus in den Künsten und dem Leben zeigte.

Das Museum Wiesbaden zeigt eine Sonderschau, die sich um selbiges Thema dreht und als wunderbare Ergänzung zur Ausstellung auf der Mathildenhöhe dienen kann, oder umgekehrt. In Wiesbaden liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung des Expressionismus. Woher kommt er, wer waren die Pioniere, wie musste die Bewegung enden? Daher lautet auch der Titel: „Das Geistige in der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus“.

Abbildung ist out!
Im 19. Jahrhundert ist die Photographie soweit entwickelt, dass sie die Abbildung übernehmen kann. Baudelaire oder auch andere Literaten, Wissenschaftler oder einflussreiche Persönlichkeiten beginnen Mitte des 19. Jahrhunderts damit, die Photographie und die Malerei zu vergleichen. Die Photographie kann die Dinge schneller und besser abbilden und ihre Entwicklung schritt immer mehr voran. Die Kunst und die Künstler sehen sich aufgefordert, sich neu zu definieren. Würde die Malerei weiterhin Natur und Dinge abbilden, wie sie sind, würde sie sich selbst irgendwann überflüssig machen. So die damalige Überzeugung einiger Vertreter der Kunst. Allerdings gingen Photographie und Kunst nicht nur einen Wettstreit ein, sie befruchteten sich auch gegenseitig. Die Farbe, die die Fotografie noch nicht darstellen konnte, wurde zu einem der wichtigsten Gestaltungsmittel der entstehenden Tendenzen in der Malerei, zeichnerische Elemente traten dafür in den Hintergrund. Die Wirkungsweise des Lichtes wird ein gemeinsames Thema der Photographie und der Malerei.

Die Bewegung des Eindrucks
Aus diesen Gedanken, Versuchen und der Inspiration und Konkurrenz durch und mit der Photographie, aus der Art und Weise der Kunst und des Lebens des 19. Jahrhunderts entwickelt sich der so genannte Impressionismus. Als Namens gebend und damit vielleicht auch als eine Art Anfangspunkt dieser Bewegung in der Kunst gilt Claude Monets Gemälde „Impression, soleil levant“ von 1872. Die „Impression“, hier aus dem französischen, aber ursprünglich aus dem Lateinischen stammend, meint den „Eindruck“. Zu sehen ist eine Morgenstimmung an einem Hafen in pasteligen, verschwommenen Farben. Es geht darum, den Eindruck, den eine gewisse Situation auf den Künstler machte, darzustellen.

Bild: Ernst Ludwig Kirchner Interieur, 1915 Öl auf Leinwand Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, München; mit freundlicher Genehmigung der Mathildenhöhe Darmstadt

Jede Bewegung provoziert eine Gegenbewegung
Der Expressionismus ist als Gegenbewegung zum Impressionismus zu sehen und eine Art und Weise dem Betrachter darzustellen, was der jeweilige Künstler ausdrücken möchte, egal ob in der Malerei, der Architektur, in der Literatur, im Film, im Tanz, im Theater oder in anderen Bereichen des Lebens. Der Begriff„expressio“ meint „Ausdruck“ und stammt ebenfalls aus dem Lateinischen. So könnte man anders sagen: Der Impressionismus stellt einen Eindruck von etwas Äußerem auf das Innere dar und der Expressionismus zeigt den Ausdruck des Inneren, des Seelenzustandes nach Außen.

Der Expressionismus als Bewegung und Protest
Diese neue und völlig andere Art und Weise etwas auszudrücken, der Expressionismus, kam um 1900 auf. Der Künstler stellt das Erlebnis hierbei nicht so dar, wie es das Auge sehen kann, sondern, wie er seine Empfindung davon ausdrücken möchte. Farben werden nicht mehr gemischt, wie im Impressionismus. Bewegung wird addiert. Das bisherige Diktat der künstlerischen Ordnung wird erschüttert. Damit rebellieren die Künstler und lösen gleichsam einen Protest der Betrachter aus. Künstler vereinigen sich, um sich zu inspirieren, aber auch um sich gemeinsam nachhaltiger zu verteidigen. Die Politik der damalligen Zeit, die Entwicklung Deutschlands, der Gesellschaft, des Kunstmarktes, des Lebens sahen sie mit großer Sorge. Bekannte Vereinigungen sind vor allem die Gruppen „Die Brücke“, „Die neue Künstlervereinigung München“, aber auch der „Blaue Reiter“, die sich zwischen 1905 und 1912 zusammenschließen. Es entsteht eine ganze Bewegung, die Gefallen an der Art und Weise etwas darzustellen und an dieser Form des Protestes, des Strebens nach etwas gänzlich Neuem gefunden hat. Es sollte nicht nur ein neues Deutschland her, sondern auch ein neuer Mensch, der mit diesem Neuen umzugehen weiß.

Entwicklung und Stagnation durch Krieg
Die Schrecken des ersten Weltkrieges, die zunächst viele Künstler im Sinne einer Erneuerung herbeisehnen, hinterlassen Spuren bei den Menschen. Künstler, wie zum Beispiel Max Beckmann, oder auch Ernst Barlach, oder Otto Dix und andere verleihen diesen Schrecken Ausdruck in ihren Bildern. Die Architektur reagiert mit einer völlig neuen Art zu bauen, der Bau ist gleichsam Skulptur und Ausdruck für eine Bewegung hin zu einer neuen Welt. Der Tanz – vom Kokain, das es damals noch in der Apotheke gab, stark beeinflusst – entwickelt neue Formen der Bewegung, des tänzerischen Audrucks. Film, Bühnenbild und Story spielen mit starken hell-dunkel-Kontrasten und wie Literatur mit den Themen: Verzweiflung, Wahnsinn, Rausch, Prostitution, Politik, Mord, Tod und Erneuerung.

Kann der Betrachter anfangs im Expressionismus noch Gegenständliches erkennen, löst er sich mit den Jahren immer mehr vom Gegenstand ab und wird Abstrakt. Während des NS-Regimes werden Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus,  Fauvismus und ähnliche kulturelle Tendenzen und Werke als „Entartete Kunst“ bezeichnet, aus der Öffentlichkeit verbannt oder vernichtet. Sie passten nicht in das Kunstverständnis und zum Schönheitsideal der Nationalsozialisten. Die Entwicklung der Kunst muss eine Zwangspause einlegen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg kann sich der Expressionismus weiterentwickeln und es entsteht der so genannte „Abstrakte Expressionismus“.

Die beiden Ausstellungen in Wiesbaden und Darmstadt machen sichtbar, was sich beim Lesen über diese Art und Weise der Darstellung in den Künsten nur erahnen oder phantasieren lässt, wenn man den verschiedenen Werken noch nicht häufig begegnet ist. Ein Besuch der Ausstellungen lohnt sich, um der Vorstellung Bilder zu verleihen und noch besser zu verstehen, worum es sich dreht.

GESAMTKUNSTWERK EXPRESSIONISMUS
24. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011
Ausstellungsgebäude
Mathildenhöhe Darmstadt

„Das Geistige in der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus“
31. Oktober 2010 bis 27. Februar 2011
Museum Wiesbaden
Friedrich-Ebert-Allee 2
65185 Wiesbaden

TS

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2 thoughts on “Expressionismus

  1. Grossstadt

    Hey,
    ein wirklich interessanter Blog. Ich habe auch gerade einen eröffnet. Er dreht sich rund um das Thema Großstadt und alles was an Kunst damit zusammenhängt. Ich würde mich wirklich über Beiträge und Anregungen von anderen freuen.

    MfG

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