Einzigartig

Auf der ganzen Welt, gibt es kein Museum, wie das Frankfurter Städelmuseum nach der Sanierung des Altbaus und der neuen, unterirdischen Erweiterung. Der Besucheransturm an diesem Wochenende zum Bürgerfest verwundert uns daher keineswegs.

Sowohl am vergangenen Samstag, als auch am vergangenen Sonntag standen die Frankfurter und andere Städelinteressierte in langen Schlangen vor den Eingängen. 18.000 Menschen wollten sich den Kunstgenuss nicht entgehen lassen. Wer die Geduld hatte, etwa eine Stundelang in der Schlange zu stehen, bevor es endlich zur Kunst ging, wurde dafür vielfach entlohnt. Gleich beim Eingang bekam jeder erstmal einen guten Kaffee in die Hand gedrückt. Schon beim wandeln durch die Säulenhalle fällt auf: Hier drinnen ist es gar nicht so voll, wie vermutet und das ist auch gut so.

Das Städelteam achtete darauf, dass die Säle nicht übervoll von Menschen waren. Eigentlich, sind wir der festen Überzeugung, sollte man früh morgens oder spät abends hierhin kommen, um am besten ganz alleine durch die Räume zu schreiten.

Nur dann nämlich erschließt sich dem Besucher dieses Kunststück, bei dem Architektur und Kunst eine sehr stimmige Liaison eingehen. Schon in der Säulenhalle möchten wir nicht gehen, nicht auf unsere innere Ungeduld hören und sofort hinunter rennen, sondern eigentlich erst einmal langsam schreiten. Wir möchten die Atmosphäre in uns aufsaugen. Was der Metzlersaal ankündigt, nämlich den großen Vorhang für große Kunst, wollen wir eigentlich  langsam auf uns zukommen lassen.

Erst dann sind wir bereit die 36 Stufen hinabzuschreiten und uns dem hellen Entrée der Erweiterung hinzugeben. Was drei Jahre währt, wurde nicht nur gut. Es lässt uns unverhofft den Atem stocken. 333 Werke, die zwar in der Chronologie die Entwicklung der Gegenwartskunst zeigen, aber auch Querverweise, ja sogar Dialoge herstellen, wenngleich sie aus einem anderen Künstlergeist, zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal sogar in unterschiedlicher Materialität entstanden sind. Es scheint, als kommunizieren die Werke miteinander und mit uns.

Hell ist es und bei all dem weiß wirken die Werke in Ihrer Farbigkeit mehr als strahlend. Manche Künstler, die sie erschufen kennen wir, andere ganz und gar nicht – aber man lernt ja nie aus. Von den 1930er Jahren, mit Werken Hermann Glöckner’s dargestellt, über die Kunst aus Zeiten der Kriegswirren mit ebenso gegenständlicher, wie abstrakter Malerei, die mit Formen und Farben und dem Strich anfängt zu spielen, das Auge des Betrachters zu reinigen, beginnen wir.

Wir sehen Werke von Ernst Wilhelm Nay. Die Kunst rückt von der Leinwand in den Raum, scheint ihn mit Lucio Fontana, Guenther Ücker, John Armleder, Daniel Buren, und anderen zu erobern. Dann stehen wir vor Fotografien Klaus Rinkes und ahnen schon, dass wir es gleich noch mit Beuys und seinen Schülern Anselm Kiefer sowie Jörg Immendorf und damit, mit dem Leben, also der Kunst in unserem Leben und Bekenntnissen zu Politik und Religion zu tun bekommen.

Aber da ist es noch lange nicht aus: Georg Baselitz, Eugen Schönebeck, Peter Roehr, Neo Rauch und viele mehr sind ja auch noch zu würdigen. Bei Wolfgang Tillmanns „Freischwimmer 54“ überlegen wir kurz, ob es wohl das jüngste Werk ist. Aber wir liegen falsch: Corinne Wasmuhts großformatiges Gemälde namens „Barrier“ ist aus dem Jahr 2008.

Sammlungsleiter Martin Engler hat sicherlich nächtelang kein Auge zugemacht, sondern über seinen Planungen gebrütet.

Die Werke sind im Hinblick auf die Geschichte der Kunst, auf ihre Quellen und Inspirationen, auf ihre Farb- und Formgebungen so taktisch klug inszeniert, dass sie gemeinsam in eine gewinnende Choreographie treten. Selbst der Bundestrainer der Fußballnationalmannschaft, hätte sein Team nicht besser aufstellen und einschwören können, da sind wir uns sicher. So, wie uns hier im Städelmuseum die Werke präsentiert werden, ziehen wir den Hut vor Anerkennung.

Das, was wir sehen ist aber noch lange nicht alles. Es sind erstmal „nur“ 333 Werke der Sammlung zur Gegenwartskunst, die das Städelmuseum hier im neuen Erweiterungsbau derzeit zeigt. Die anderen Werke befinden sich im neuen, schicken Depot. 80 Prozent davon, so Sammlungsleiter Martin Engler, seien neu ins Städel gekommen und noch nie für die Öffentlichkeit zu sehen gewesen. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, weiß zu berichten, dass alleine aus der Sammlung der Deutschen Bank 600 Gemälde von 46 Künstlern als Dauerleihgabe ins Städel umgezogen sind. Wolfgang Kirsch, Vorstandsvorsitzender der DZ-Bank, betont, dass es mit dem Städel’schen Erweiterungsbau nun möglich wird Fotografiekunst aus der Nische in den Mittelpunkt zu holen und deshalb steuerten sie  200 Werke ihrer spannenden Sammlung bei. Weitere Leihgaben, Schenkungen und Spenden mit denen Werke angeschafft werden konnten, um die Sammlung zu vervollständigen, machten die Frankfurter Bürger, das Städelkommitee und Mäzene möglich und das ist ganz große Klasse.

Mit den Architekten Schneider und Schumacher, die im Jahr 2007 die Ausschreibung zum Erweiterungsbau gewannen, haben Hollein, Engler und all die anderen großen und kleinen Frankfurter, zwei sensible Gestalter gefunden, die der Kunst und ihrer Wirkung größte Ehre zollen. Ganz nebenbei ist das für Architekten, die ihre Gebäude auch als Werke, ja, als Kunstwerke erklären, nicht immer selbstverständlich. Diese beiden hier, zeigen Größe durch Zurückhaltung und das wirkt doppelt so viel.

Hätten nicht alle an einem Strang gezogen, wäre ein solches Kunststück in dieser Architektur und Kunst, zur Kunstgeschichte, mit insgesamt 52 Millionen Euro Kosten keineswegs möglich gewesen.

Das Städelmuseum hat sich damit auf Platz eins der sehenswerten Museen katapultiert. Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt zeigt andere Werke auf eine andere Weise und ist augenscheinlich keine Konkurrenz mehr. Viel eher konkurriert das Städelmuseum nun mit anderen großen Häusern in Deutschland, Europa und der Welt und wir sind gespannt, wie sich unsere Gewohnheiten und die der Besucher Frankfurts über die Jahre verändern werden.

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Bildnachweis:
Foto 1-7: Ulrike Seyffert
Foto 8-14: Norbert Miguletz, © Städel Museum, Frankfurt am Main

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