Eine Radl-Nacht in München

Kampfradler sagen Ramsauer den Kampf an, weil der sie bekämpfen willAm Samstag, den 07. Juni 2014 findet zwischen 20:00 und 23:00 Uhr die 5. Radlnacht in München statt. In dieser Zeit werden einige Straßen in der Innenstadt für Autos gesperrt, damit die Radler freie Bahn haben. Außerdem wird es eine fahrradbetriebene Musikbühne geben – je mehr geradelt wird, desto lauter kann die Musik werden und erstmals findet ein so genannter Tweed Ride statt, ein Radl-Trend aus London. Wir sehen der Sache skeptisch entgegen.

Erstens: Wie viele ja wissen, möchte München gerne Radlhauptstadt werden. Eine extra hierfür gegründete Initiative startet seit 2010 immer wieder Aktionen, um darauf aufmerksam zu machen.
Das erklärte Ziel ist es – so heißt es auf der Seite der Fahrradinitiative: „einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung des Radverkehrsanteils und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit zu leisten. Im Mittelpunkt steht, Münchnerinnen und Münchnern zur häufigeren Nutzung des Fahrrads zu motivieren und eine echte Radkultur zu etablieren. Dabei wird das Radfahren nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern vor allem als urbaner Lebensstil zelebriert.“

Gut. Derzeit befinden wir uns wieder in der Radl-Hochsaison und ganz München scheint auf dem Rad unterwegs zu sein. Wir auch. Mit dem Rad ins Büro, zum See, zum Einkaufen, zur Isar – überall hin. Da um uns herum Baustellen sind, ist das Rad derzeit das Fortbewegungsmittel schlechthin für uns und bedeutet uns große Freiheit. Wir lieben Radlfahren.

Doch so ganz ungefährlich ist das Ganze nicht: Als normale Radfahrer fühlen wir uns im Fahrradverkehr gemobbt, denn wie auch im vergangenen Jahr und im Jahr davor und im Jahr davor und im… – Ihr wisst schon – ziehen Kampfradler knapp an uns vorbei, werden wir beschimpft, werden wir an Ampelschlangen von pöbelnden Radlern überholt, wenn sie uns nicht überholen werden wir beschimpft, dass wir nicht in der ersten hundertstel Sekunde der Grünphase sofort wie gestört losbrechen, sondern nur normal anfahren. Gleiches passiert, wenn wie es wagen auf einem Radweg rechts ran zu fahren, um zum Beispiel unseren Schuh zuzubinden, die Jacke aus- oder anzuziehen und so weiter und so fort. Eine Todsünde ist Anhalten sowieso. Die zweite Todsünde ist es einen Hund dabei zu haben, auch wenn der akribisch direkt neben dem Fahrrad an der Leine herläuft und keine Anstalten macht 10 Zentimeter von seiner Spur abzuweichen. Nur damit keiner denkt wir kippen auf unseren zwei Rädern fast um: Nein, wir fahren normal Fahrrad, wir schleichen nicht, wir träumen nicht!

Für uns bedeutet das, die „Kampfradler“-Hauptstrecken der Stadt großräumig zu umfahren. Das heißt, wir versuchen also gute Radwege zu vermeiden, da sie hochfrequentiert sind von ihnen. An der Isar kann man im normalen Tempo nicht fahren ohne rausgemobbt zu werden. Also halten wir uns – wenn möglich – auch dort fern. Stattdessen fahren wir zum Beispiel auf der Tegernseer Landstraße – wo es keinen Radweg gibt – gemeinsam mit den Autos auf der Straße. Da ist es – selbst an der Engstelle – sicherer als auf dem Isarradweg.

Nun fragen wir uns natürlich, tut es Not, dass eine Initiative Radlnächte veranstaltet, Konzerte schmeisst, Straßen sperrt, um wie es heißt – erstens „einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung des Radverkehrsanteils und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit zu leisten“ – wenn doch die ganzen Kampfradler rücksichtslos und mobbend über die Radwege breschen, zweitens „ Münchnerinnen und Münchnern zur häufigeren Nutzung des Fahrrads zu motivieren und eine echte Radkultur zu etablieren“ – wo doch eh schon fast alle Münchner Rad fahren, weil wir sonst nicht mehr anders durch die Stadt kommen und drittens „das Radfahren nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern vor allem als urbaner Lebensstil zelebriert wird“ – wenn Rücksichtslosigkeit, Raserei, Herumpöbeln und Mobbing diesen so genannten „urbanen Lebenstil“ derzeit ausmachen. Für uns gehören die sehr viele Münchner Radler in einen Kurs, in dem sie lernen sich vorsichtig und rücksichtsvoll zu verhalten, dass sie keinen anderen schädigen, gefährden oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindern oder belästigen. Was übrigens auch schon in Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung steht und sich in einer normal tickenden Gesellschaft von selbst verstehen sollte.

Wie bereits erwähnt, sehen wir solchen Aktionen, wie einer Radlnacht skeptisch entgegen. Anders denken wir über eine Skatenacht, denn hier leuchtet uns ein, dass initiativ demonstriert werden muss, da es seit Erfindung der Schuhe auf Rollen, oder der Bretter auf Rollen – etwa im 18. Jahrhundert und in den 1950er Jahren – bis heute keine feste Regelung gibt, wie und wo sie als Fortbewegungsmittel und Lebensstil und unter welchen Umständne sie in der Stadt benutzt werden dürfen – außer in „Skateparks“. Zudem sind wir bisher von noch keinem Skater angepöbelt, gemobbt, knapp überholt oder geschnitten worden. Und das liegt sicher nicht daran, dass sie oft bekifft waren, oder zumindest nicht nur. ; )

Also, Kampfradlern lieber mal den Marsch blasen, als sie mit Konzerten von VAIT und der Mundwerk-Crew zu beschenken. Wohl an!

(550 Posts)

2 thoughts on “Eine Radl-Nacht in München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.