Der verlorene Sohn

Katja Flint, Kostja Ullmann und Ben Unterkofler zeigen ein gekonntes und ergreifendes Spiel um Angst und Liebe und Terror und Friede in der ARD.

Nina Grosse hat die biblische Geschichte „Der verlorene Sohn“ ins Jetzt überführt und großartig inszeniert. Hatte in der Bibel „Der verlorene Sohn“ gesündigt und geprasst, so ist hier der heutige „verlorene Sohn“ – gespielt von Kostja Ullmann – allerdings ein Konvertit, der eigentlich Rainer heißt, aber Omar genannt werden möchte. Er saß in Israel ein wegen des Terrorverdachts und wurde nach Deutschland ausgewiesen. Hier wird er zwar observiert, muss aber nicht in Arrest und kehrt zurück in sein Elternhaus – ein gewöhnliches Reihenhaus übrigens in einer ganz gewöhnlichen Siedlung.

Der verlorene Sohn - ARD

Der verlorene Sohn - ARD, www.ard.de

Der heutige „verlorene Sohn“ scheint im Gegensatz zum biblischen jedoch ganz und gar nicht reuig. Das ahnt der jüngere Bruder Markus – gespielt von Ben Unterkofler – und ist von Anfang an skeptisch. Nicht ohne Grund: Wie sich später herausstellt, lehnt Rainer alias Omar die „Unsittlichkeit“ der Freundin des jüngeren Bruders entschieden ab, bezeichnet sie als Hure und stellt auch sonst seine religiösen extremen Ansichten und Lebensweise in den Vordergrund. Die Situation spitzt sich derart zu, dass Markus schließlich aus Angst um sein Leben erstmal zu seiner Freundin zieht.

Die Mutter – gespielt von Katja Flint – nimmt den „verlorenen Sohn“ nicht nur in ihrem Haus, sondern auch in ihrem Herzen wieder auf, will ihm helfen sich zurecht zu finden und sich etwas Neues aufzubauen. Das aber ist gar nicht einfach. Immer wieder gerät sie an ihre Grenzen, kommt kaum an ihren Sohn ran. Schließlich verteidigt sie ihn auch noch gegen das Landeskriminalamt und vor der Staatsanwaltschaft.

Rainers Blick scheint oft ins Leere zu gehen und er scheint in Gedanken versunken. Er spricht kaum, wenn doch, scheint er die immer gleichen religiösen Salven von sich zu geben. Kostja Ullmann spielt den Fanatischen wirklich glaubhaft, mit irrem Blick, harter Schale und predigend, erleuchteter Überheblichkeit – ebenso, wie wir uns religiöse Fanatiker im Dienste des Djihad vorstellen, wie wir ihre Charaktere rekonstruieren. Totale Gehirnwäsche!

Aber hinter der Spielkunst Ullmans müssen sich Katja Flint und Ben Unterkofler nicht verstecken. Wir verspüren die Angst, die Zweifel und sind mitgerissen von den Gefühlen und Taten. Immer schwingt da der bittere Beigeschmack der bösen Vorahnung mit. Das geht nicht gut aus, das kann nicht gut ausgehen…

Fast überzogen unprofessionell wirken die Polizisten  – allen voran die junge Polizistin in der Bahnhofsszene, der eigentlichen Schlussszene am Bahnhof. Die Ohnmacht der Polizei, die hindernde Bürokratie und die Unterbesetzung werden schwer kritisiert. Selbst de Observation hätten sie doch in der Realität besser hingekriegt, sind wir überzeugt. Aber wo keine Mittel, da kein Weg…

Wie akut ist das Ganze fragen wir uns und sehen, dass der Film, wie vermutet bereits 2008 gedreht und 2009 fertiggestellt wurde. Wie realistisch ist das Ganze fragen wir uns als nächstes und Katja Flint sagt dazu in einem Interview mit einer Tageszeitung: „Ich habe gelesen, dass das Bundeskriminalamt 37 deutsche Konvertiten verdächtigt, Anschläge vorzubereiten. Sorge scheint also berechtigt.“ (Interview von Sven Kuschel, 23.02.2011, 13:15 Uhr)

„Der verlorene Sohn“ lief am Mittwoch, 23.02.2011 um 20.15 Uhr in der ARD.
Über die ARD-Mediathek ist er erst ab dem 24.02. um 14.00 Uhr zu sehen, derzeit gibt es schon mal ausgewählte Bilder und den Trailer zu sehen.

TS

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