Der Niederbayernkrimi in meinem Dorf

Niederbayern. Das schöne, verschlafene und landschaftlich wunderbare Niederbayern, wo ganz sonderbare und unverständlich sprechende Leute leben und wo man sich als Tourist zwar schnell wohl fühlt, aber auch genauso unverstanden. Das Leben im äußersten Zipfel von Deutschland, zwischen Österreich und Tschechien ist von der Kirche, von Landwirtschaft, von dörflichem Leben und von rauschenden Partys geprägt. Man muss zudem bedenken: Dieser Landstrich ist im Aufbruch – auch wenn man es im ersten Moment nicht merkt. Ein Wandel in der Struktur und in der Bevölkerung steht an, den so gut wie alle anderen Landstriche in Bayern schon hinter sich haben. Vielleicht ist es aber auch gut, wenn Niederbayern so bleibt, wie es ist: karg, langweilig, öde, ursprünglich und eigenbrötlerisch. Dann nämlich wird die Gegend hier noch öfters Kulisse für den einen oder anderen Heimatkrimiabend des Bayerischen Rundfunks, so wie am letzten Samstag. Da lief zur „Prime Time“ der Heimatkrimi mit dem wunderbaren Titel „Sau Nummer Vier. Ein Niederbayernkrimi“, der sogar – wie wir jetzt wissen – eine Spitzenquote für den Bayerischen Rundfunk erreicht hat.

Ich habe genau an dem Tag meine Eltern im Rottaler Hügelland besucht, an dem „Sau Nummer Vier“ ausgestrahlt wurde und so als gebürtiger Niederbayer doppelt Spaß. Das liegt vor allem daran, dass der Krimi rund um das Haus meiner Eltern gedreht wurde. Nein, sie haben keinen Bauernhof. Ja, sie wohnen auf dem Land und sie wohnen gerne dort.

Der Film wurde zum Erlebnis, die Eltern sitzen gespannt vor dem Fernseher und immer wieder höre ich Zwischenrufe, wie „Schau, der Huber Sepp kon ja singa“ oder „Mei, da sitzt da oide Hinterberger Max, der had a mitgspuit“. Sie freuen sich riesig, wenn sie ihre Nachbarn im Film wiedererkennen und dann auch gleich von ihren Erlebnissen am Set erzählen. „Ja, des war so koid, mir san dann hoamganga, wei de san jo a ned fertig woarn mit earnana Filmerei.“ Verdammt beeindruckend war das alles für meine Eltern und für viele andere Niederbayern sicher auch.

Wann kann man hier „am Ende der Welt“ auch schon mal ein komplettes Filmteam bei der Arbeit beobachten und wann kann man auch schon mal miterleben, wie Bauern zu perfekten Statisten umgeschult werden und ihre Rolle am Ende auch noch verdammt gut spielen?! Zu den Statisten erzählt der Regisseur im „Making Of“, dass zuerst nur Kurgäste aus Bad Füssing bei dem Film mitspielen wollten. Die wollte er aber nicht nehmen, da sie nicht so authentisch – wie ein bayerischer Bauer – herübergekommen sind. Anders gesagt: ein Kurgast aus Hamburg kann keinen bayerischen Landwirt spielen. Das kann ich vollkommen verstehen.

Im zweiten Anlauf hat es dann aber geklappt mit dem Casting und die schweigsamen, einheimischen Landwirte kamen und wollten bei dem Film mitspielen. „So einen Bauern musst du fasst mit seinem Traktor vom Hof ziehen, damit er mitmacht“, erklärte Regisseur Max Färberböck. Aber genau sie haben es tatsächlich geschafft, dem Film noch mehr Authentizität zu verleihen, als er sowieso schon gehabt hat. Ja, es kommen hier Szenen vor wie jene beim Metzger, als der ganz lapidar zur der verbrannten Leiche im Wald meint: „Das waren sicher die Inder, die verbrennen doch alles…“. Dann weiß man genau, dass man im tiefsten bayerischen Land ist.

Hier gibt es noch diese Art von derbem Humor, die jeder Einheimische mit einem innerlichen Lachen quittiert, die aber jeden Auswärtigen – aufgrund der äußerlichen Ernsthaftigkeit – verstört. Genau das haben die Filmemacher rund um Regisseur Max Färberböck perfekt umsetzen können. Sie haben verstanden, wie die Leute hier ticken und sie haben das – leicht überspitzt – darstellen können.

Ich kenne die Gegend dort natürlich sehr gut. Vieles in dem „Niederbayerntatort“ erinnert mich an meine Kindheit, die dort – ohne Mord und Todschlag –  eine schöne Zeit war. An dem Bach, an dem die verbrannten Überreste und das Hüftgelenk gefunden wurden, habe ich als Kind oft gespielt. In dem Wirtshaus, das auch gleichzeitig die Dorfpolizeistation war, habe ich oft genug gefeiert und getrunken. Auf dem Hügel, auf dem die Beerdigung stattfand, sind wir im Winter immer Schlittenfahren gewesen.

Viele Erinnerungen werden da wach und umso interessanter wird der Film für mich persönlich. Die Gegend rund um Münchham und Kirn im Rottaler Hügelland ist eine typische niederbayerische Gegend. Einige Traditionen und typische Gepflogenheiten konnten sich zwar halten. Doch – manch einer mag es kaum glauben – hält auch die Moderne Einzug. Seit kurzem hat man Handy-Empfang und einen guten DSL-Anschluss.

Sau Nummer Vier ist ein hervorragender Krimi, frisch und appetitlich serviert aus Niederbayern, für Niederbayern und den Rest der Welt. Der Film sticht durch schöne Aufnahmen von bayerischen Dörfern, Bauerhöfen, von Schweinen und – um das nicht zu vergessen – von den ländlichen Dorfbewohnern aus dem alltäglichen Fernsehprogramm heraus. Auch wenn’s manchmal stinkt – wie das Filmteam nach den Szenen im Saustall – sauber samma trotzdem! ; )

Sau Nummer Vier

Regie:               Max Färberböck
Drehbuch:         Christian Limmer
Kamera:            Andreas Doub
Schnitt:             Nicola Undritz , Oliver Gieth
Szenenbild:       Doerthe Komnick
Kostüm:            Birgitta Lohrer-Horres
Casting:            Franziska Aigner-Kuhn
Producer:          Nathalie Scriba
Redaktion:        Dr. Stephanie Heckner (BR)
Darsteller:         Johanna Bittenbinder, Florian Karlheim, Tim Seyfi, Heinz-Josef Braun u.v.a.
Drehort:            Niederbayern
Drehzeit:           28.10. – 29.11.2009

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One thought on “Der Niederbayernkrimi in meinem Dorf

  1. Stefan Vornehm

    Super Artikel! Die Beschreibung der Drehorte trifft genau zu. Ich bin fast hinten übergefallen, als ich das Wirtshaus im Film, den „Staffewirt“ wiedererkannte. Niederbayrischer gehts nimmer!

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