Der Junge mit dem Koffer

Im EineWeltHaus München e. V. ist derzeit ein Stück aus der Feder Mike Kennys in der Inszenierung von Eileen Schäfer zu sehen: „Der Junge mit dem Koffer“. Ein Stück über Flucht und Emigration, über Glück und Unglück auf der Reise in eine vermeintlich bessere Welt mit einem bunt gemischten Ensemble aus Bayern, Togo, Pakistan, Kroatien, Sierra-Leone, Eritrea und Nigeria. Musikalisch begleitet und mit Effekten untermalt wird es durch La Banda Ki. Unbedingt anschauen und -hören!

Der Junge mit dem Koffer, Naz (brillant und hinreissend gespielt von Michael Koschorek) wird aus seinem zu Hause gerissen. Er und seine Eltern flüchten vor Krieg und Unruhen aus ihrer Heimat. Doch da sie nicht genug Geld haben, um für alle den Schleuser (Wasif Azez) zu bezahlen, schicken die Eltern (Judith C. Corgass und Gregor Schöffmann) den Jungen alleine über Land, Berge und Wasser in Richtung des vermeintlichen Paradieses, nach London, der anderen Seite der Welt. Naz hilft sich aus Angst, Gefahr und Resignation, mit den Geschichten über Sindbad, die ihm sein Vater erzählte. Das hilft ihm. Aber nicht nur ihm, auch Krysia  (mitreissend verkörpert von Janna Ambrosy), die viel tougher und abgeklärter wirkt, als Naz, der aus einem kleiner Bergdorf stammt. Naz hat sie im Bus kennengelernt. Mit Hilfe eines Schäfers (Danijela Mamic) wollte sie über die Berge. Naz konnte das nicht bezahlen, also versuchte er ihnen einfach ganz alleine zu folgen. Welch ein Glück, denn die Flucht mittels Schäfer endete jäh durch Schüsse mitten in der Nacht und als sie ängstlich in den Wald hineinrennt, sind Naz und Krysia wieder vereint. Diesmal nicht bedroht von Grenzsoldaten, dafür aber von Wölfen. Die Effekte von La Banda Ki, gehen uns durch Mark und Bein. Krysia findet Naz’ Geschichten eigentlich ziemlich nervig, aber im Wald helfen sie auch ihr nicht zu verzagen. Zugeben würde sie das nie! Sie landen schließlich erstmal in einer Fabrik am Hafen, weil ohne Geld kein Weiterkommen ist. Hier hilft wieder Krysia’s Cleverness, dass sie nicht auf zwielichtige Gestalten, wie den Mann am Hafen (schön dargestellt von Francis Kono) reinfallen. Tagein, tagaus, zwei Jahre lang, müssen sie für einen Hungerlohn T-Shirts zusammen nähen. Doch mit einem Trick schaffen sie es in ein Fischerboot, um gemeinsam die andere Seite der Welt zu erreichen – bis ein Unglück sie trennt. Werden beide Ihre Reise vollenden können und die andere Seite der Welt erreichen? Um zu erfahren, wie es Naz und Krysia ergeht, müsst Ihr Euch unbedingt das Stück ansehen!!!

einwelthaus2In weiteren nicht minder liebevoll gestalteten Rollen sehen wir Azeez Olumide, der nicht nur als Busfahrer seine Fahrgäste leitet, sondern auch als Näher, Bootsflüchtling und als reicher Onkel strahlt. Ebenso wie Agnes Meharie, die ebenfalls in mehreren Rollen vertreten als herzliche Mama Afrika erscheint und einen Geist auf die Bühne bringt, der uns sehr wohlig fühlen lässt. Issifou Abdu zeigt, dass man nicht „Lost in Translation“ sein muss, um jemandem zu helfen, dem es schlecht geht, ihn wieder aufzurichten und dann weiterziehen zu lassen. Wunderbar!

Mike Kenny hat das Stück nicht nur mit viel trockenem Humor angelegt. Es stecken viele nachdenklich machende Aspekte über Heimat, Freundschaft, Flucht und Gemeinschaft darin, die wohl immer aktuell bleiben. Eileen Schäfer macht diesen Geist der Geschichte auf der Bühne sichtbar. Wir spüren, welche Kraft wir auch in schlimmster Not aus guten Geschichten schöpfen können und das es gut ist, nicht aufzugeben, nicht die Perspektive zu verlieren. Wir grübeln darüber, ob es besser ist, etwas naiv zu sein und unbedarft, oder ob eine gewisse abgeklärtheit und unser Weltwissen uns weiterbringen. Wahrscheinlich ist es wie bei allem: Das richtige Mittelmaß macht es!

Der Junge mit dem Koffer
EineWeltHaus München e. V.
Schwanthaler Strasse 80
80336 München
www.einewelthaus.de

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