Damals wie heute – 1913

Florian Illies, 1913 - der Sommer des Jahrhunderts, Fischer Verlag

Florian Illies, 1913 – der Sommer des Jahrhunderts, Fischer Verlag

Im Jahr 1913 ging die Post ab und die Welt wurde neu erfunden, das Leben weiter reformiert – Florian Illies erzählt uns die Anekdoten dazu. Was für eine Rechercheleistung!

Wir haben mal gehört, dass es immer etwa 50 Jahre braucht, bis sich ein gesellschaftliches Phänomen in leicht verändertem Kleid wiederholt. Florian Illies erzählt in Anekdoten in seinem Buch „1913“, dass es auch manchmal 100 Jahre braucht.

1913 hat jeder Vordenker, jeder kreative Geist, Erneuerer und Grübler Neurasthenie. Hauptsymptom der Neurasthenie ist eine Erschöpfung und Ermüdung oft gepaart mit gleichzeitiger Rastlosigkeit. Ebenfalls treten als Symptome Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen, Neuralgie, Konzentrationsstörungen, Freudlosigkeit und Melancholie auf. Eine Symptomatik, die wir jetzt als Burn-Out diagnostizieren und die damals wie heute eine gehobene Gesellschaftschicht am allerhäufigsten betrifft.

Ernährung, Konsum, Ressourcen, Mobilität sowie Energieversorgung wird damals wie heute im Sinne einer Reform des Lebens neu gedacht.

Damals schreiben Liebende glühende Briefe, Tag für Tag oder mehrfach am Tag. Sie rennen zum Schnellzug, um ihn dort noch auf den Weg zur geliebten zu schaffen, doch wenn sie sich dann treffen, wenn sie sich gegenüber stehen, haben sie sich nichts zu sagen.
Heute schreiben wir glühende Zeilen über Messengersysteme an die Angebetete, den Angebeteten, dafür nutzen wir die schnellste Übertragungsrate, die derzeit möglich ist – Glasfaser und LTE statt Schnellzug und Bote. Doch stehen wir uns gegenüber scheint bereits alles gesagt!

Damals wie heute wird gekokst, gesoffen, geschaffen und zerstört, geliebt in allen Variationen und geflucht und gehasst– wir erfinden uns neu, feiern uns hoch und treiben in den Untergang. Als führe uns der Vergleich vor Augen: Wenn alles möglich ist, geht nichts mehr.

Illies klappt Monat für Monat ein Panorama auf: Banales wie Weltbewegendes folgt dicht an dicht. Rilke hat Schnupfen, Kafka Neurasthenie, Hitler verkauft aquarellierte Postkarten Freud hat Angst vor C.G. Jung, der Vatermord ist hip, in der Toskana entdeckt man die Geothermie, Thomas Mann ärgert sich über einen Teppich, Oskar Kokoschka ist ein Erpresser, alle lieben Lou.

Wer sich mit der Zeit der so genannten „Moderne“ schon mal befasst hat, wer meint die Protagonisten dieser Epoche zu kennen, der wird dieses Buch lieben und gewinnt durch die nahen Einblicke in Momente und Situationen eben dieser ja eigentlich vermeintlich bekannten Protagonisten ganz neue Einblicke. Nicht auszumalen, wie es jenen gehen mag, die von all dem, was in nur diesem einen Jahr passierte gar nichts wussten.

Wir wünschen Euch einen fabelhaften Lesespaß mit vielen „Ah!“ und „Oh!“ und einigem zum Schmunzeln.

Lesen!

Florian Illies
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN-13: 9783596520534
ISBN-10: 3596520533

als Taschenbuch, e-book, Hörbuch und Hardcover erhältlich

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