competition, competition!

Auf der Bühne steht ein junger Mann mit geschmalzten Haaren, in schwarzem geschmacklosen Zwirn, über dem weißen Hemd ein Collier – das wohl hässlichste, was Modeschmuck zu bieten hat. Er erklärt uns, dass wir heute die Jury seien für das Casting des einen neuen Schauspielers, oder der einen neuen Schauspielerin für das Ensemble. „Sie haben richtig gehört, es gibt nur einen Platz und sie stimmen ab, wer der Glückliche, oder die Glückliche ist. „Sie, meine Damen und Herren.“ So, oder so ähnlich verklickert er es uns.

Oh, das ist unangenehm und sogleich stellt es uns die Nackenhaare auf, weil wir etwas bewerten müssen – über jemandes Schicksal entscheiden sollen. Ja oder nein, Miete zahlen, oder auf der Strasse schlafen, Schnitzel mit Pommes, oder trockenes Brot von gestern. Aber so ist es in dieser Wettbewerbsgesellschaft überall dort, wo es wenig Plätze und viele Anwärter gibt – ob nun Schauspiel oder Sachbearbeitung, wo nicht?!

Es ist wie Sackhüpfen, wie Apfel schnappen, wie Eierlauf, wie Tauziehen, wie…ach man könnte so viele sichtbare, ja offensichtliche Wettbewerbe in so ein Bewerberverfahren einbauen. Hauptsache jemand macht sich zum Affen und wenn es wir selbst sind! Doch tatsächlich sind es die unterschwelligen Competitions, die noch schlimmer sind, die mehr Energie kosten, die uns leer saugen. Und der Wettbewerb in uns selbst zwischen dem, der wir zu sein scheinen, als was oder wer wir gesehen werden wollen und dem, was wir tatsächlich sind – manchmal,  wenn wir aufgehört haben, darüber zu grübeln, ob wir heute auch ja keinen Fehler gemacht haben, ob wir alles gut gemacht haben, ob wir das richtige gesagt und uns richtig verhalten haben. Wenn wir uns also mal auf uns konzentrieren und ganz mit uns alleine sind, uns niemand sehen, bewerten, abstempeln kann, dann holen wir vielleicht mal Luft.

Die zauberhaften vier Bewerber: Anne Römeth – die weiß, was sie will, Judith Huber – die alles versucht, Robert Kühn – der still präsenter ist, als er denkt und Axel Röhrle – der sich für nichts zu schade scheint. Sie geben im Wettebwerb alles. Sie springen in genormten Jumpsuits auf der Bühne herum, wollen, können, müssen sich profilieren im Wettbewerb um den einzigen Platz. Von cool, über charmant und eloquent bis zurückhaltend und sprachlos sind die Charaktäre zunächst angelegt, die aber dann über die Aktionen immer mehr zusammenfallen, weil die Energie schwindet ob des ganzen Wettbewerbs. Jeder erobert mal das Mikrophon, jeder hat mal seine ganz eigenwillige Performance – sogar der, der einfach mal NEIN! sagt, spricht es zwar aus, handelt aber in Wahrheit nicht danach.

Jeder stellt sich aus für ein bisschen Aufmerksamkeit und diese vier, nein, eigentlich fünf – nimmt man den uns anvertrauten Moderator hinzu – halten uns und sich selbst auf bewegte und bewegende, laute und leise, feine und plumpe Weise einen Spiegel vor.

Gebt ihnen ein Engagement – nicht nur für vier Wochen!
Mehr fällt uns dazu nicht ein.

Competition, Competition!- oder zum Thema Utopie kommen wir vielleicht später noch
Idee & Konzept Claudia Lohmann und Lorenz Seib, Regie Lorenz Seib
Noch is 6. Dezember 2014 immer mittwochs bis samstags im TamS Theater
Ab 20.30 Uhr.

Es lohnt sich übrigens etwas früher da zu sein, denn im Vorderhaus wartet noch das Museum des verlorenen Glücks mit neun kleinen Exponaten zum Schmunzeln und Grübeln.

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