Besetzung wo man hinschaut

Beinahe jeden Tag in der Woche läuft auf irgendeinem Sender eine Castingshow. Wann werden wir müde von diesem TV-Format, oder sind wir es schon längst?

Castingshows sind überall - wie lange noch?

Europaweit drängend Menschen ins Fernsehen, um vor einer Jury zu zeigen was sie können, oder meistens, was sie nicht können. Gesucht werden Girl-Bands, Boy-Bands, Solo-Stars, Akrobaten, Moderatoren, neue Mitarbeiter, die besten Hobby-Köche, der Superhund und so weiter uns so fort. Die Sender werden nicht müde immer neue Bereiche zu finden, in der irgendwer besetzt werden soll. Und die, die sich nicht vor die Kamera trauen, wenn jemand gesucht wird, schauen zu, schalten also ein. Deshalb sind die Einschaltquoten verlässlich hoch. Was aber macht das „Casting“ so magisch? Und warum brauchen wir das anscheinend?

Das Wort „Casting“, hat übersetzt mehrere Bedeutungen und einige sind ganz trefflich – je nach Kontext. Es bedeutet für uns zu allererst „Besetzung“, aber auch „Guss“, „Rollenverteilung“; „Abwurf“, oder auch „Verteilung“. Noch vor 15 Jahren fand ein so genanntes Casting fast ausschließlich in Agenturen statt. Castings waren nicht jedem zugänglich. Es galt zunächst Hürden zu überwinden, um in den ausgewählten Kreis zu gelangen und überhaupt zu einem so genannten Caster vorzudringen. Models, Schauspieler und Musiker wurden gecastet – also Leute die irgendwann im Rampenlicht stehen. Anscheinend kommt daher der eine Teil des Mythos rund um das Casting. Denn im Rampenlicht zu stehen, vor der Kamera zu stehen, ist im gegenwärtigen Dasein essentiell geworden.

Seit der Talkshow-Flut und den unzähligen Dokusoaps, „Reality“-Serien und Telenovelas, dem sich weit verbreitenden „Assi-TV“ also, drängen immer mehr Menschen von der Straße vor die Linse. Jeder will anscheinend entdeckt werden, seine Geschichte an den Rest der Welt bringen und ein Leben im Rampenlicht führen. Alles andere, also lernen, eine Ausbildung zu machen, einen Beruf zu haben, scheint zu anstrengend zu sein. Castingshows scheinen aber auch deshalb so interessant zu sein, weil der Zuschauer gleich mehrere Bedürfnisse sättigen kann: Unterhaltung, Voyeurismus und Schadenfreude. Und leider ist es ja anscheinend auch so, dass sich ein großer Teil der Zuschauer mit denen identifizieren kann, die in Castingshows oder den ganzen „Reality“-Serien und dergleichen, aufkreuzen.

Hinzu kommt für den Zuschauer außerdem das Gefühl der Wichtigkeit. Bei den meisten Shows kann er mitentscheiden, oder sogar ganz entscheiden wer weiter kommt und wer nicht. Mit einem „billigen“ Anruf sitzen sie am Drücker. Dem Zuschauer wird also vermittelt, dass er eine gewisse Macht in einer demokratischen Entscheidung hat. Seine Stimme zählt, kann sogar ein Gewicht in der umschlagenden Waagschale sein. Ohne Lehrer, Ausbilder, Personalchef, Bürgermeister, Minister, oder gar Kanzler zu sein, kann er über Karriere oder Gosse, und über das Programm für alle entscheiden. Welche eine wichtige Rolle, welche eine Existenzberechtigung! Ob Schulabbrecher, oder Akademiker, alle machen mit.

Die Sender nutzen das aus und bedienen die Bedürfnisse der Zuschauer. Sie wollen sich natürlich nicht selbst abschaffen und sind damit auf Einschaltquoten, Marktanteile, auf Unternehmensbilanzen im Sinne der eigenen Existenzberechtigung, angewiesen. Angebot – Nachfrage – Angebot – eine unendliche Geschichte, ein Kreislauf. Aber wie lange wird es dauern, bis wir alle, einfach alle gecastet haben und es niemanden und nichts mehr geben wird, was wir noch casten können? Wann werden wir müde, Besetzungen beizuwohnen und mitzuregeln? Anders gefragt, wann schubsen andere Existenzberechtigungen, wie zum Beispiel Fleiß, Talent oder auch Wissensvermittlung die Castingshows von der Besetzungscouch?

TS

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